Ganz wenig und auch nur Bio

Schon einige Monate habe ich damit gehadert.

Angestoßen von einer Diskussion mit Henrik aka Celilander auf Twitter über Tierliebe und Fleischkonsum kamen immer mehr Fragen auf. Und wie ich die mir selbst gegenüber ehrlich beantworten konnte, wusste ich schlichtweg nicht.

Beispielsweise:
Wieso kann ich nicht mal einen Wikipedia-Artikel über Schlachtung lesen, konsumiere aber gleichzeitig das Endergebnis?
Wie kann ich den Gedanken daran nicht ertragen, dass ein Lebewesen leidet, und gleichzeitig in Kauf nehmen, dass das für mich passiert?
Ist es für mich okay, dass ein Tier ein schönes Leben hatte, welches eben nur von begrenzter Dauer sein kann, weil es danach auf meinem Teller landen soll?
Genügt es mir, wenn ich nur ganz wenig Fleisch esse und auch nur aus Bio-Haltung?
Wieso liebe ich das eine und esse das andere Tier?
Geht es darum, mich besser zu fühlen oder darum, tatsächlich etwas Sinnvolles zu tun?

(lauraklinke_art)

Als Teenager habe ich schon eine Weile auf Fleisch verzichtet. Ein Erlebnis bezüglich Vegetarismus hat sich mir dabei in den Schädel gebrannt und ich habe mir geschworen, nienieniemals so zu sein:

An einem Abend waren Tibor und ich mit meiner damaligen besten Freundin und ihrem damaligen Freund X unterwegs. Wir haben Essen bestellt und die ohnehin schon angespannte Stimmung gipfelte darin, dass X Tibor aufs Mieseste beschimpft hat, weil er sich etwas mit Fleisch bestellt hat.

Aus Xs Perspektive, Respekt vor allen Lebewesen zu haben, hat es also nicht einmal für eine normale Diskussion und Respekt gegenüber einem anderen Menschen gereicht.

Damit war sowohl diese Freundschaft durch (denn in den Augen meiner damaligen Freundin war dieser Ausbruch ja total ok) als auch, nicht allzu lange danach, das Thema fleischlos (aber primär durch die permanenten Aussagen meines Umfelds, "total ungesund" etc).

Tatsächlich habe ich es geschafft, alle Gedanken daran in den folgenden ca. 14 Jahren zu ignorieren.

Erst eine normale, sachliche Diskussion hat die gedankliche Saat gesäht und unterbewusst für Monate in meinem Hirn gearbeitet, bis daraus schließlich eine andere Wahrnehmung und der Wille, etwas zu ändern, entstand.

Das ist, davon bin ich felsenfest überzeugt, auch der Grund, weshalb man mit Schockvideos oder -bildern von Schlachthöfen/Pelzfarmen niemanden zu einer Ernährungsumstellung bewegt. Das auszublenden ist doch viel leichter als eine unendliche Liste an Fragen, die man sich selbst stellt und die letztendlich aufzeigt, dass man eine Wertvorstellung hat, an die man sich nicht konsequent hält.

Einen kompletten Verzicht konnte ich mir erst einmal nicht vorstellen, daher habe ich mich durch die unterschiedlichen Bio-Siegel gewühlt und schnell festgestellt, dass das alles ziemlich undurchschaubar gestaltet ist. Es gibt das EU-Bio-Siegel, Demeter, Naturland, und mehr.

Beim Blick in die Supermarkt-Kühltruhe war ich echt erstaunt: wie teuer ist denn bitte so ein Stück Bio/Naturland/Demeter-Huhn im Vergleich zu dem, was sonst im Einkaufswagen gelandet ist?

Am Ende hatte für mich aber alles dasselbe Ergebnis: das Tier lebt ein mehr oder minder schönes Leben, wird für mich geschlachtet und landet auf meinem Teller.

Das letzte Stück Fleisch, das ich gekauft habe, war ein Burgunderbraten von einer Bio-Metzgerei zum letzten Weihnachtsfest. Geschmeckt hat es mir nicht mehr.

Das ist nun ein Jahr her. Was sich zwischenzeitlich geändert hat? Ich habe zig Rezepte ausprobiert und so viel Spaß beim Kochen gehabt. Ich habe festgestellt, dass es mittlerweile verdammt einfach ist, auswärts fleischlos ordentlich zu essen oder auch typische Fleisch-Gerichte mit Seitan oder Soja selbst zuzubereiten. Ich habe nie den Drang gespürt, andere mit Nachdruck von meiner Perspektive überzeugen zu wollen, und spreche nur auf Nachfrage darüber. PETA finde ich immer noch scheisse. (Wer Tiere aus Laboren/Tierheimen befreit um sie dann selbst einzuschläfern, den muss ich nicht verstehen) Ich lebe immer noch, obwohl mein ehemaliger Hausarzt mich so entsetzt angeschaut hat als wäre ich nicht nur völlig grenzdebil sondern auch dem Tode geweiht, als ich gefragt habe, worauf man bei vegetarischer Ernährung achten muss (B12! Das wäre die richtige Antwort gewesen.).

Es ist alles nur eine Sache von Gewohnheit. Kein Verzicht, vielmehr eine Entscheidung für die Vielfalt aller anderen Lebensmittel.

Author image
Mag Faultiere, gärtnert gerne, und hat noch keine eckigen Augen bekommen.
top